Warum ich meinen Mandanten die Steuererklärung erkläre, statt sie nur abzugeben
Ein fertiger Steuerbescheid beantwortet nicht die Frage, warum die Zahl so aussieht, wie sie aussieht. Genau diese Frage stelle ich mir bei jedem Mandat selbst, bevor ich sie bei meinen Mandantinnen und Mandanten beantworte.
Als ich vor über zwanzig Jahren in einer großen Kanzlei anfing, war die Steuererklärung ein Fließbandprodukt: Belege rein, Software drüber, Unterschrift drunter. Die Mandantin oder der Mandant bekam am Ende eine Zahl — Nachzahlung oder Erstattung — und selten eine Erklärung, warum es genau diese Zahl geworden ist. Das hat mich schon damals gestört, auch wenn ich es nicht ändern konnte.
Seit 2004 machen wir es anders. Wenn eine Mandantin fragt, warum ihre Werbungskosten dieses Jahr niedriger ausfallen als letztes Jahr, bekommt sie eine konkrete Antwort — nicht „das hat die Software so berechnet". Wenn ein Mandant eine Nachzahlung sieht, erkläre ich, welcher Posten dafür verantwortlich ist und ob sich für das kommende Jahr etwas ändern lässt. Das dauert länger als eine reine Abgabe. Aber es verändert etwas Grundsätzliches: Aus einer jährlichen Pflichtübung wird ein Gespräch, aus dem beide Seiten etwas mitnehmen.
Manche Mandanten wollen das gar nicht so genau wissen — das ist völlig in Ordnung, und wir respektieren das. Aber die meisten, mit denen ich spreche, stellen am Ende doch eine Nachfrage. Und genau diese Nachfrage ist der Moment, in dem aus einer Dienstleistung eine Beratung wird.